Wilhelm Josef Hesterkamp (1849-1929)
Fluchtversuch wurde vereitelt • Werden, 19. Mai 1905.
Der Transporteur Hesterkamp hatte gestern einen Insassen der hiesigen Strafanstalt zu einer Gerichtsverhandlung nach Essen zu transportieren. Der Gefangene war dem Transporteur als kränklich geschildert. Auf dem Weg zum hiesigen Bahnhof stellte derselbe sich so leidend, daß der Transport nur langsam vonstatten ging. Als die Gerichtsverhandlung zu Ende war, bemerkte Herr Hesterkamp, wie der Gefangene einem anderen Manne im Gerichtssaal eine Anzahl Briefe zusteckte. Hesterkamp riß diese Briefe an sich. Diesen Moment benutzte der Gefangene zu einem Fluchtversuch.
In wilder Jagd ging es durch einige Straßen Essens, der Transporteuer mit erhobenem Revolver hinter dem Flüchtling her, ohne jedoch von seiner Waffe Gebrauch machen zu können. Erst am Limbecker Platz gelang es einem Gerichtsdiener, den Flüchtling aufzuhalten. Der Flüchtling, der Ruhrknecht R aus Essen, ein öfters vorbestrafter Mensch, erhielt wegen Diebstahls einer Karre Kohlen eine Gefängnisstrafe von einem Jahr.
Von Marl nach Werden
Anfang des 19. Jahrhunderts zog der Schreinermeister Johann Bernard Hesterkamp (1818-1880) aus seiner Heimat Marl ins Ruhrtal und ließ sich in Werden nieder.
Am 16. November 1849 wird in Werden sein Sohn Wilhelm Josef Hesterkamp geboren. Im Alter von 26 Jahren heiratet Wilhelm (Josef) in Werden die ursprünglich aus Schwaney bei Paderborn stammende Anna Maria Justine Backhaus (1854-1938).
Das Hesterkamp'sche Stammhaus in der Brehmstraße existiert heute leider nicht mehr.
Aufseher an der Werdener Strafanstalt
Im Jahre 1803 wurde die alte Werdener Benediktiner-Abtei aufgelöst. Nach einigen Jahren Leerstand wurde im Frühjahr 1811 beschlossen, die leerstehende Abtei in ein Zuchthaus umzuwandeln. Zu den Gefangenen-Aufsehern gehörte auch Wilhelm. Eine Begebenheit aus seiner Amtszeit war auch der lokalen Heimatzeitung, den Werdener Nachrichten einen Artikel wert (siehe Artikel am Beginn dieser Seite).
Über 100 Jahre gehörte die (ungeliebte) Strafanstalt zum Werdener Stadtbild, wenngleich auch zwischen dem Bewachungskommando und der Bevölkerung gute Kontakte bestanden. 1928 wurde die Strafanstalt geschlossen, weil sie nach Ansicht des damaligen Justizministers für den Strafvollzug ungeeignet war.
Seit 1945 sind die historischen Gebäude die Heimat der 1927 gegründeten und berühmten Folkwang-Hochschule, einer der profiliertesten Kunsthochschulen des Landes.
"Der olle Willem kommt!"
Da Wilhelm in seiner Rente nicht kürzer treten wollte, übernahm er das in früheren, prüderen Zeiten überaus wichtige Amt des Wärters für die Brehminsel. Die Brehminsel (oder kurz "Der Brehm") ist eine Insel vor den Toren Werdens, die allerdings durch Verlandung inzwischen zu einer Halbinsel geworden ist. Viele Jahre wurde der Brehm als Viehweide genutzt, bis im Jahre 1900 der Rat der Stadt Werden den Beschluss fasste, die Insel solle zukünftig dem Sport und der Erholung dienen. So wurden Spazierwege angelegt und neue Bäume auf der Insel gepflanzt. Da ging Wilhelm dann abends mit der Glocke herum und scheuchte die Pärchen aus dem Gebüsch. Die riefen bald: "Der olle Willem kommt!"
Die Familie
Neun Kinder gingen aus der Ehe mit Anna Maria Justine Backhaus hervor: Heinrich (1876-1937), Julie (1878-1943), Wilhelm Bernhard (1880-1955), Karl Hermann (1882-1961), Mathilde (1884-?), Maria Ludgera (1887-1963), Johannes (1890-1915), Paul Albert (1892-1956) und Maria (1894-?).
Der Sohn Johannes fällt 1915 während des 1. Weltkriegs in Frankreich, aber alle anderen überlebten ihre Kindheit (was für die damalige Zeit eher ungewöhnlich ist) und gründen eigene Familien.
Goldene Hochzeit Wilhelm Josef und Anna Maria Justine Hesterkamp, 1926
Der älteste Sohn Heinrich gründete zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Firma Heinrich Hesterkamp, die bis heute unter seinem Namen bekannt ist. Aus seiner Bildhauerei entwickelte sich bald eine Drechslerei, sowie ein Holzgroßhandel, der das gerade entdeckte Sperrholz verarbeitete und Leisten und Furniere herstellte. Die Firma entwickelte sich später zu einem Dienstleister für die Wohnungswirtschaft und Automobilbranche, die Leitung der Firma liegt heute noch in den Händen von Nachfahren Heinrich Hesterkamps.
Wilhelm stirbt am 29. August 1929 im Alter von 79 Jahren in Werden.
